Team noch in Kathmandu

28. Mai 2017

56 Tag Letzter Tag

So nun ist es so weit – heute meldet sich Andy  zum letzten mal, bevor er wieder zu Hause ankommt …

Ich bin sehr froh ihn nach 8 Wochen endlich wieder bei mir zu haben und bin schon sehr gespannt auf seine Erzählungen und Erlebnisse …

„Hallo Sabine,
heute Nacht so richtig den Schlaf des Gerechten schlafen dürfen und erst um 08:30 Uhr im Hotelzimmer hier in Kathmandu aufgewacht.
Ich schwebe immer noch auf dieser wunderbaren Wolke aus reiner tiefer Freude.
Sogar die hundert Schlaglöcher beim Gehen in den Straßen von Kathmandu können mich nicht außer Gleichgewicht bringen.
Es ist einfach ein Traum hier, gemeinsam mit Wolfi und Klemens unseren gemeinsamen Erfolg auszukosten.

Heute Vormittag spazierten wir begleitet von unserem Freund Martin in die Stadt um letzte Besorgungen von Mitbringsel für die Heimkehr zu organisieren.

Wolfi, Billi und Andy, Klemens (Foto Martin Böhm)

Wolfi, Billi und Andy, Klemens
(Foto Martin Böhm)

Mittags war ich mit Billi Bierling, der Achttausenderhistorikerin und Nachfolgerin von der „Everest-Chronistin“ Elizabeth Hawley zum Meeting verabredet.
Billi kenne ich schon lange und sie freute sich genau wie ich mich auf unser Wieder“sehen“.
Total fasziniert notierte sie unsere detaillierten Erklärungen zu unseren gemeinsamen Gipfelgang zum MT. Everest.

Es ist ja wegen meiner Blindheit nicht möglich, den Aufstieg mit Sherpa Unterstützung im Standardmodus zu vollziehen.
Wolfi, Klemens und ich selbst stiegen beim Gipfelgang als eine Einheit von drei Menschen im Gleichtakt, im Abstand von nur zwei bis drei Metern in Richtung Gipfel und zurück.
Dabei wechselten sich Klemens mit Wolfgang je nach eigenem Zustand in unterschiedlichen zeitlichen Phasen bei der Führung ab.
Nur ich selbst konnte leider mit niemand abwechseln 🙂  Ich war praktisch immer zwischen Klemens und Wolfgang der mittlere Mann.
Wenn jetzt jemand denkt, man könnte auf weit über 8.000m einen menschlichen Körper ziehen oder zerren, der irrt gewaltig.
Nicht zufällig begegnet man auf diesem harten Weg anderen menschlichen Überresten, die es vor Jahren genau so versucht hatten und leider nicht geschafft haben.
Selbst die Sherpas, die bis zu 40 kg Lasten auf ihren Rücken nach oben tragen können,  sind nicht im Stande, ab einer gewissen Höhe einen nicht mehr perfekt funktionierenden menschlichen Körper zu Tal zu retten.

Es funktioniert also nur mit perfekter, interaktiver bilateraler Kommunikation zwischen den Gehirnen von Wolfi, Klemens und mir.
Das bedeutet, z.B. Wolfi`s Augen sehen die nächste Stufe, den nächsten Schritt, das nächste Hindernis, die nächste Gefahrenstelle…..
Sein Gehirn generiert automatisch die nächsten Befehle die an seine Beine, seine Arme, seinen Körper gehen, um der Herausforderung stand zu halten.
Sein Körper führt die Befehle erfolgreich aus und das ganze System bleibt in Balance und der nächste Schritt kann folgen.
Hier setzt nun die extrem enge und direkte Verbindung zwischen Wolfi, Klemens und mir ein.

Diese Befehle von Wolfis bzw. Klemens Gehirn werden parallel mittels knapper und konkreter verbaler, akustischer und taktiler Kommunikation an mein Gehirn übertragen, welches exakt dieselben Befehle auch an meine Beine, meine Hände, meinen kompletten Körper als Lösungsvorschlag für die nächste Geländestufe übermittelt.
Mein Körper bewegt sich daraufhin nahe zu synchron zum Körper von Wolfi bzw. Klemens und nur so ist es auch möglich, im solch extremen Umfeld relativ zügig und energiesparend voran zu kommen.

Wenn jemand mal diese Umgebung auf weit über 8.000 m erlebt hat, wenn jemand an der Grenze zur Stratosphäre gekratzt hat, der weiß es genau, wie schmal da oben der Pfad zwischen Kontrolle und Kontrollverlust ist.
Es hilft mir als blinden Kletterer also nichts, wenn mir jemand krampfhaft versucht, meine Hände oder meine Füße an die anscheinend richtige Stelle zu stellen.

Billi hörte sehr aufmerksam und interessiert zu und sie füllte ihre Statistik mit unseren Angaben.
Nach getaner Arbeit ging unser so herzliches Gespräch in alle möglichen Richtungen der Achttausenderhistorie und dem Bergsteigen in den Alpen, und am Ende vereinbarten wir uns zu einem gemeinsamen, zukünftigen kleinen Abenteuer, dessen genaues Ziel wir hier nicht verraten werden 🙂

Zurück im Hotel wurde ich von der Dame an der Rezeption gerufen – es sei eine Message für Andy Holzer da.
Tenzing, mein lieber Sherpa von 2015, er hatte mich vor einer halben Stunde hier im Hotel wollen besuchen um zu gratulieren, er sei telefonisch erreichbar und er möchte mich vor unserer Heimreise noch mal sehen.
Die Dame hinter dem Tresen rief meinen lieben Tenzing an und in einer weiteren halben Stunde kam Tenzing noch mal ins Hotel und wir feierten unseren Gipfelerfolg.
Er sagte mir, er habe für uns gebetet und er sei so glücklich über diesen Ausnahmeerfolg.
Ich sagte ihm, er sei Teil dieses Ereignisses weil er mich über viele Tage, über viele Steine und Stufen im Jahre 2015 bei unserem zweiten Versuch am Everest an dessen Nordroute so tapfer und treu zur Seite gestanden hatte.

Klemens, Andy, Tenzing und Wolfi (Foto Archiv Holzer)

Klemens, Andy, Tenzing und Wolfi
(Foto Archiv Holzer)

Ich glaube und bin mir einfach sicher, Tenzing wird mir im Leben wieder begegnen und ich bin so tief dankbar, dass mir so viele Menschen aus Europa im Jahre 2015 nach dem verheerendem Erdbeben in Nepal geholfen haben, die Häuser von Tenzing und dessen Familie wieder aufzubauen.
Tenzing verabschiedete sich nach einer guten Stunde wie immer, in tiefer Dankbarkeit und es war irgendwie so traurig…..
Aber ich weiß, das gehört dazu und alles ist gut wie es ist.

Heute Abend möchte ich mit meinen Jungs noch mal so richtig herzhaft in ein dickes saftiges Steak beißen um dann morgen Früh, die lange ersehnte Heimreise anzutreten.
Wir, Wolfi, Klemens und ich sind happy!
Gruß aus Kathmandu, Andy mit seinen Buam“

Leider muss ich mich jetzt von euch meine lieben und vor allem treuen Leser, bzw. Daumenhalter, verabschieden – ich mach es mit einem lachenden (unsere Männer kommen endlich heim) und einem weinenden Auge (ich werde das Schreiben vermissen)…

Aber wie hat schon der „Rosarote Panter“ gesagt: wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät …….es ist nicht aller Tage – ich komm wieder keine Frage  🙂

Macht es wie unsere Männer erfüllt euch eure Träume und danke dass ihr dabei gewesen seid
Euer Bodenpersonal  Sabine (außer Dienst)

Mt Everest - unser Traum (Florian Brunner)

Mt Everest – unser Traum (Florian Brunner)

 

 

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Eine Antwort auf Team noch in Kathmandu

  1. Jutta sagt:

    lieber Andy,
    ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie sehr ich mich freue, dass Du mit Deinen Kameraden nun das letzte ganz große Ziel erreicht hast. Diese Leistung verdient absolute Hochachtung.
    Ganz ganz herzliche Gratulation an Euch!

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