Andy berichtet vom ABC Camp auf 6.400m

21. Tag Andy berichtet vom ABC Camp auf 6.400m

Kaum hab ich euch die Infos online gestellt, bekomme ich diesen ausführlichen Bericht von unseren Männern

„Hallo Sabine,
Erstmal, es geht uns hier allen Vieren super gut!
Heute haben wir die erste Nacht im “Vorgeschobenen Basislager” (ABC) auf 6.440m gut überstanden.
Auch das Essen geht uns gut von der Hand und das sagt schon einiges.

ABC Lager auf 6.440m

ABC Lager auf 6.440m
Foto Klemens Bichler

Nur die Konzentration auf unser weiteres Vorankommen ist auf Grund der so traurigen Ereignisse des schweren Erdbebens von gestern sehr angeschlagen.
Diese traurige Stimmung ist hier im Camp immer und überall deutlich zu spüren.
Von unseren Sherpas gibt es kaum einen, der nicht sein Haus verloren hat.
Aber es ist für uns Westler fast erschreckend pragmatisch, wie diese lieben Menschen das hier aufnehmen.
Sie wissen einfach, der Berg ist der Arbeitgeber und nur durch diese harte Arbeit können sie auch ihr Haus wieder aufbauen.

Ein anderer Einfluss bezüglich der weiteren Planung ist die Meldung der Chinesischen Regierung, die auf Grund der Gefahr jetzt für 3 bis 5 Tage keinen weiteren Aufstieg erlaubt und eigentlich alle Leute vom Berg herunter haben möchte.
Natürlich sind diese Chinesischen Beamten Menschen, die noch nie in der Nähe des Everest gewesen sind.
Dass es am Weg hinunter ins Tal wahrscheinlich unsicherer ist als es hier oben unter freiem Himmel im Zelt, das haben die nicht verstanden.
Es geht ihnen einfach um die Gefahr von weiteren Beben.

Um 10:00 Uhr stand heute die Puja am Programm, die Tensing, der auch Lama ist, hervorragend leitete.
Danach liefen die Bergsteiger und Sherpas den ganzen Tag ohne richtigen Plan hier oben herum und keiner wusste was recht ist…

In meinem kleinen Team geht es mir kurzfristig jetzt um Flo, der ja bestens vorbereitet nun hier auf 6.440m auf seinen Gipfelsieg am Lhakpa Ri (7.045m) wartet und es für ihn keinen Sinn macht, wieder runter auf 5.200m ins Chinesen Basislager zu hatschen.
Da gibt es noch mehrere Bergsteiger, die dasselbe Problem haben.
Dies erfuhr ich, weil wir am Nachmittag einen Rundgang im ABC machten.
Dabei besuchte ich Kari Kobler in seinem Camp und ich spürte sehr deutlich, dass wir uns im Denken in dieser Situation sehr ähneln.
Kari zückte gleich neben mir darauf hin sein Satphone und rief eine wichtige Assistentin der “TMA” (Tibet Mountaineering Association) an um die Sache aus chinesischer Sicht mal in klareres Licht zu rücken.

Kari Kobler ist schon zum fünfzehnten Mal mit seiner Agentur hier und weiß genau, wen und wann er hier kontaktieren muss.
Dieses Telefonat fiel schon mal nicht ganz schlecht aus und Kari rief um 16.00 Uhr in seinem Zelt zu einer Versammlung und Besprechung aller Expeditionsleiter und wichtigen Sherpas und Leute hier im ABC auf.

Wolfi stiefelte mit mir zu diesem Meeting und wir wurden sehr warmherzig empfangen.
Alex, der Expeditionsleiter aus Russland, genau so wie die Briten oder Japaner, versammelten sich gemeinsam mit Kari, PATA, Wolfi und mir im Zelt von Kobler.

Kari vermittelte allen Anwesenden den Stand der Dinge.
Dass er mit den Chinesen im Kontakt stehe und wir nun die Erlaubnis hätten, hier oben im ABC zu bleiben.
Wir dürften nur nicht höher steigen, bis wir Grünes Licht von den Chinesen bekommen.

Weiteres teilte uns Kari mit, dass Seine Sherpas heute Morgen vom Berg runter gekommen sind.
Gestern nach dem Erdbeben seien sie vom Camp 3, 8.300m abgestiegen und die Route sei perfekt und vom Beben nicht beeinflusst.

Ich warf dann ein, man müsse die entscheidenden Chinesen unten im Tal darüber informieren, damit eine vernünftige Weisung möglich wird.

Wir erfuhren auch die traurige Nachricht, dass die Expeditionen an der Südseite des Everest, genau so wie im Vorjahr, alle gecancelt wurden.Eine große Lawine sei im Bereich des Basislagers von den Flanken des Pumori 7.161m abgegangen und Menschen wurden getötet.Überhaupt soll es im Khumbugebiet sehr sehr große Verluste auf Grund des so starken Erdbebens geben.

Einige Expeditionsteams sollen am Lager 1 an der Südseite, also oberhalb des Khumbueisfalles festsitzen und nur noch für vier Tage Verpflegung und Gas haben.
Der Khumbueisfall ist nach dem Beben nicht mehr passierbar und die Menschen warten auf einen Hubschraubertransport.

Also war mein Gedanken, diesmal an die Nordseite des Everest zu gehen, nicht ganz falsch…

Das Epizentrum des stärksten Erdbebens seit langer Zeit in Nepal soll zwischen Kathmandu und Pokhara liegen und das Beben die Stärke 7,9 erreicht haben.
Die Landverbindung zwischen unserem Basislager an der Nordseite über Thingri und Zangmu nach Kathmandu ist an mehreren Stellen verschüttet und Brücken eingestürzt.
Die internationalen Flüge aus und nach Kathmandu derzeit unterbrochen und somit die ganze Gegend auch von der Infrastruktur schwer betroffen.

Also wieder alles sehr hart für die Motivation aber wir müssen uns einfach auf unser Ding konzentrieren.
Alles Andere hilft auch niemanden und somit haben wir Vier jetzt mal beschlossen, dass wir die nächsten drei bis vier Tage im ABC ausharren und die Höhenanpassung somit zu verstärken.
Flo ist damit jederzeit Schlagbereit für seinen Lhakpa Ri und Wolfi, Klemens und ich erfreuen sich trotz der Höhe auch bei bester Gesundheit.

Wenn ich heute Abend wieder zwei Teller Spagetti verdrückt habe – dann könnt ihr euch vorstellen, dass es nicht schlecht mit uns ausschaut :-)
Jetzt mache ich mich wieder auf den Weg in mein Zelt und freu mich auf einen tiefen Schlaf.
Klemens hat letzte Nacht minus 22 Grad in seinem Zelt gemessen.
Also, schöne warme Grüsse und wir sind immer in unserer Mitte!
Andy mit seinen Buam“

Unser Team hat das ABC erreicht

Unser Team hat das ABC erreicht
Foto: Archiv Holzer

„Ich möchte euch noch einmal erklären, dass wir uns an der Nordseite, also an der vom Unglück an der Südseite des Everest gegenüberliegenden Seite, ca.15km Luftlinie sitzen.
Hier gibt es keine Verletzten, keine Lawinen die das Lager betreffen, hier ist soweit alles ganz anders und relativ sicher.
Und dass uns das Unglück unsagbar leid tut und im Herzen trifft!!!
Wir sind noch recht zuversichtlich, wir sind mit den besten dieser Höhenbergsteiger der Welt im Boot und alles wird so wie es sein soll
Also, doch ganz anders als voriges Jahr!!
Bussi, dein Andy“

Mit diesen Nachrichten wünsche ich allen meinen treuen Lesern eine gute Nacht und bis morgen euer Bodenpersonal Sabine

 

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5 Antworten auf Andy berichtet vom ABC Camp auf 6.400m

  1. mb sagt:

    Wir beten einfach für alle Opfer, alle Betroffene und für euch!
    LG

  2. Reinhard Unterwurzacher sagt:

    Ich möchte mich dem Kommentar von Toni Silberberger anschließen. Angesichts der unvorstellbaren Tragödie in Nepal sollten die Gipfelambitionen etwas in den Hintergrund treten. Allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, dass enorme persönliche, physische und finanzielle Mittel zum Erreichen des Zieles Everest aufgewendet wurden. Wie auch immer, ich wünsche Andy und seinem Team, dass sie die richtige Entscheidung treffen, und anschließend auch gut damit leben können.

  3. Toni Stocker sagt:

    Hallo Sabine und Team im ABC am Nordsattel des Mount Everest,
    Des öfteren habe ich auf euren Blog geschaut wie ihr vorankommt und wie es läuft da ich als Bergführer selber einen Gast mit Seheinschränkung auf verschiedene Gipfel geführt habe.
    Mehrmals haben mich Trekkingtouren und Expeditionen nach Nepal und Tibet geführt,manchmal erfolgreich aber nicht immer und ich weiss bestens wie es sich anfühlt wenn es mal nicht so klappt.
    Aber als ich gestern diesen Bericht auf eurem Blog gelesen habe dann hat es mir sprichwörtlich die Gänsehaut aufgezogen.Dass nach so einer schrecklichen Naturkatastrophe in unmittelbarer Nähe die den Menschen soviel Schmerz und Leid beigesetzt hat der Gipfel immer noch so im Fokus steht macht mich einfach nur traurig.Und wenn auch viel Geld aufgebracht wurde für diese Expedition,wahrscheinlich der grösste Teil durch Sponsoren,dann währe wohl die beste Lösung,euren Sherpas von denen der Grossteil ihre Häuser verloren haben einfach den Lohn für die Expedition auszubezahlen (auch etwas mehr)und dafür zu sorgen dass sie so schnell wie möglich zu ihren Kindern,Frauen,Geschwister,Mütter und Väter zurückkehren können um in dieser schweren Zeit bei ihnen zu sein. Wer möchte das nicht in so einer Situation.Der Mt.Everest bleibt noch lange stehen aber für viele dieser liebevollen Menschen ist in diesen Tagen eine Welt zusammengebrochen. Eine Welt die für sie so hoch und gross war wie der Mt. Everest.
    Mögen euch diese Zeilen etwas nachdenklich stimmen.
    Trotzdem wünsche ich euch weiterhin alles Gute egal wo euch eure Wege hinführen.
    Toni Stocker

  4. Kathrin H., Nordtirol sagt:

    Liebe Leser,
    habe gehört, habe gelesen, versuche beide Denkweisen “Umkehren, Weitergehen” zu verstehen … vieles geschieht in dieser Welt und nur ein bissl was zum Nachdenken möchte ich hier niederschreiben, wenn wir bei allem, was geschieht soviel Anteil nehmen würden, würde zum einen mehr Nächstenliebe spürbar sein und zum anderen die Welt still stehen. Was wäre gerade richtig? Wer von Euch ist schon einmal an einem Unfall vorbeigekommen, vielleicht ist dabei eine Seele weitergewandert? Und wer ist nach diesem Erlebnis umgekehrt und hat sein Vorhaben daraufhin geändert oder sogar gestoppt? Wer von uns würde jetzt sofort in den nächsten Flieger steigen und mithelfen? Wer von uns kennt in der Nachbarschaft ein älteres Ehepaar, die sich über einen Besuch freuen würden, doch man bleibt lieber Daheim vorm Fernseher und schaut sich alles bequem im sicheren, warmen Bettarl an, was so alles geschieht auf derer Welt anstatt aufzustehen, hinzugehen und einfach einmal seinem nächsten Mitmenschen zu sagen: “Wie schön, dass es Dich gibt!” Wachts auf, helfts, wo Ihr könnts, seids dankbar von Innen heraus und denkt`s nach ob es wichtig und richtig ist täglich über alles ziggmal zu urteilen, wo wir meinen richtig zu liegen! Vielleicht doch besser einmal mehr jemanden die Hand reichen, was netts sagen?
    Wünsche Euch Gutes und Ihr tut es! :)
    Wünsche mir, dass Ihr draussen auf 6400 Meter das tut, was Euch Euer Gefühl sagt!
    Gott behüte Euch! Meine Schutzengel haben Urlaub, sind bei Euch!
    Wünsche Dir liebe Sabine weiterhin die Sonne in Dir und mit Dir!
    Kathrin H., Nordtirol

  5. heinz puxbaumer sagt:

    Lieber Andy, liebes Team auf 6400m.
    Meine Gedanken sind bei euch und ich weiß, dass ihr, die für euch richtige Entscheidung treffen werdet. Niemand, der nicht in eurer Situation ist, kann und sollte beurteilen-das könnt nur ihr selbst. Manchmal denke ich an Gerlinde und “ihren K2″.
    Wünsche euch von Herzen Glück und dass ihr auf euer Bauchgefühl hört!
    Ihr seid großartig,
    namaste heinz

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