Ankunft im Intermediate Camp auf 5.800m

19. Tag Ankunft im Intermediate Camp auf 5.800m

Wie versprochen, kommt jetzt ein aktueller Bericht von unserem Team auf ihrem Weg zu dem Intermediate Camp auf 5.800m.

„Hallo Spatz,
Gestern sind wir um punkt 12:00 Uhr, nach dem etwas verfrühten Mittagessen im Basislager in Richtung Mittelcamp gestartet.

Der erste Teil der Strecke, den wir ja schon vor einer Woche mal gegangen sind, lief hervorragend.
Flo trug das Glöckchen am Schuh, ich selbst wegen dem Wind sehr eng an Flo und Wolfi mit Klemens gingen hinter mir.
Wir trugen über Nase und Mund eine spezielle Maske, die wir von Ted, unserem Lieferanten der Top Out Sauerstoffsysteme für den Gipfelgang empfohlen bekommen haben.
Diese Maske fängt bei der Ausatmung die Luftfeuchtigkeit auf und befeuchtet bei der Einatmung die auf dieser Seehöhe schon sehr trockene und kalte Luft.
Somit bleibt der Rachenraum immer feucht und eine trockene Entzündung wird damit möglichst vermieden.

Aufstieg

Aufstieg
Karte Andreas Unterkreuter

Für den ersten Streckenabschnitt bei dem wir das letzte Mal 90 Minuten gebraucht hatten, benötigten wir gestern nur noch 75 Minuten.
Auch die nächsten zwei Stunden, wo der Weg, teils mit Blöcken durchzogen, dann etwas steiler wurde, ging für mich extrem gut.
Schon kam in mir dieses so positive Gefühl auf, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ins Mittelcamp bzw. dann später ins ABC laufen könnte.

Bald schon liefen wir auf die Briten auf, die 40 Minuten vor uns gestartet waren und ohne große Anstrengung ging es bis etwa 5.500m hinauf.
Unser Weg zweigt vom Haupttal, welches nach Süden, direkt zur Grenze nach Nepal zieht, in Richtung Südosten in ein Nebental ab.

Noch so 10 Minuten über einen feinen Gletscherboden, für mich einfach ein Spaß zum Laufen, doch dann ging die Strapaze für mich los.
Wir kamen in ein Auf und Ab, über Moränenrücken hinauf und hinunter, loses Blockgestein zwischen Wasserpfützen und immer wieder kamen uns auch Yakkarabanen mit deren Yak Treibern entgegen.
Also mussten wir immer wieder rechts oder links vom sowieso wackeligen Steig in grausam brüchiges Steingelände um den Tragtieren auszuweichen.

Andy und Wolfi begegnen einem Yak

Andy und Wolfi begegnen einem Yak
Foto Klemens Bichler

Schön langsam machten sich die Stunden des hochkonzentrierten Gehens und die doch schon zunehmende Höhe bemerkbar und es wurde richtig zach.
Aber vom Mittelcamp, welches auf ca. 5.780m steht, war für meine Freunde nichts zu sehen.
Immer wenn wir wieder eine Moränenkuppe erreicht hatten hoffte ich, dass ich Meldung einer Sichtung des Camps bekomme. Leider wieder nichts und der Pfad führte wieder wertvolle Höhenmeter hinunter in den nächsten Graben.
Ich hatte immer den langen Weg während meiner Expedition 2011 an der Shisha Pangma im Kopf, wo ich damals an diesen endlosen Moränen verzweifelt bin.

Zur Information: Moränen sind die Gesamtheit des von einem Gletscher transportierten Materials, im Speziellen die Schuttablagerungen, ei ihrer Bewegung mitbewegt oder aufgehäuft werden, sowie die im Gelände erkennbaren Formationen.
Grundsätzlich werden zwei Arten von Moränen unterschieden, die Wandermoränen und die abgelagerten Moränen. Wandermoränen sind all jene, die vom Eis bewegt wurden. Moränen, die nach Ablagerung nicht mehr bewegt wurden, werden abgelagerte Moränen genannt. (Quelle: Wikipedia)

Moränen Moränen

Moränen
Foto Archiv Holzer

Aber der Weg hier ist doch um Einiges leichter und wir konnten einen gewissen Gehrhytmus beibehalten.

Nach 4 Std. und 40 Minuten zeigten uns andere Bergsteiger die wir passierten einen Moränenrücken, hinter dessen Kuppe unser Mittellager stehen sollte.
Ca. 40 Minuten sollten reichen, um das Camp zu erreichen. :-(
Ziemlich genau nach 5 Stunden und 20 Minuten trafen wir dann tatsächlich in unserem Mittelcamp, bzw. Intermediate Camp auf 5.780m ein.

Wolfi und Klemens waren auch einigermaßen müde, sie korrigierten meine Schritte im ewigen Blockgelände doch seit Stunden von hinten, sodass sie nicht zur Kamera greifen wollten, um die Ankunft im Camp zu dokumentieren.
Aber Flo, der mit meiner kleinen Glocke die ganze Zeit vor mir lief um mir den Weg akustisch zu markieren, riss sich zusammen und es entstand ein sehr emotionales Video unserer Ankunft im Lager.

Es ist bei mir oft so, wenn ich die ganze Konzentration auf das Gehen und die gewaltige Kraftanstrengung dann loslassen kann, kommen große Emotionen in mir hoch.
Wenn ich mir nüchtern überlege, wo wir hier im Mittelcamp erst sind, wären so große Emotionen auf “nur” 5.800m wohl noch nicht angebracht.
Aber ich weiß auch auf der anderen Seite, dass für mich genau dieser ewig lange, recht flache und steinige Weg bis ins ABC (vorgeschobene Basislager) auf 6.400m, welches wir morgen erreichen wollen, ein nicht unerheblicher Teil meiner Reise zum Dach der Welt bedeutet.

In den steilen Eis und Felsflanken des Everest, oberhalb des ABC tue ich mir trotz Sauerstoffmangel dann mit Händen und Füssen dann viel viel leichter höher zu steigen.

Das Mittelcamp ist auf einer unbarmherzigen Moräne mit endlosen Felsblöcken aufgebaut, wo für mich jeder Schritt, z.B. zur Toilette oder zum Essenszelt, einfach Horror ist.
Nebenbei ist der Standard der Einrichtungen hier am Limit.
Ein Chinesischer Koch versucht aus dem wenigen Mehl, Zucker und anderen spärlichen Habseeligkeiten hier oben, und dem teils von den Yakherden, die hier auch lagern, verunreinigtem Wasser etwas Essen für uns zuzubereiten.
Dementsprechend fallen Frühstück und Abendessen für uns aus.

Aber unten im Basislager und dann wieder oben im ABC werden wir wieder perfekt versorgt und so können wir damit gut leben.
Ich glaube, ich habe noch keinen Kilogramm Körpergewicht bis jetzt verloren :-)

Wolfi liegt mit Klemens und Flo mit mir in unseren Zweimannzelten, welche von lagernden Yaks mit deren Exkrementen flankiert sind.
Anscheinend kommt es nachts schon mal vor, dass ein sich im Schlaf umdrehendes Yak mal kurz die Zeltwand eindrückt :-)
Jedenfalls rein vom Geruch kann auch ich die extreme Nähe der so starken Tragtiere, nur wenige Zentimeter und der hauchdünnen Zeltplane von meinem Schlafsack getrennt, gut wahrnehmen.

Yak - schau mir in die Augen Kleines

Yak – schau mir in die Augen Kleines
Foto Archiv Holzer

Wir Vier machen heute hier oben einen Rasttag und werden uns morgen weiter über 5 bis 7 Stunden Sch…..Gelände für mich, hinauf ins ABC auf 6.400m aufmachen.

Die Briten mit Dr. Kirsty, die ja schon vor einigen Tagen da im Mittelcamp waren, steigen heute schon ins ABC auf.
Unsere beiden Inder und der nette Mongole aus unserem INTERNATIONALTEAM werden heute herauf ins Mittlecamp kommen und mit uns gleich morgen weiter aufsteigen.

Am Ende werden wir sehen, wie die Höhenanpassung bei jedem Einzelnen funktioniert und was die weiteren Tage für uns bereithalten.
Jedenfalls geht es Flo, Klemens, Wolfi und mir immer noch gut und wir sind guter Dinge.

Jetzt werde ich zum ersten Mal versuchen, diesen Blogbericht via Satellit mittels eines Satterminal von Brandspot zu versenden, weil da oben keine Handyverbindung mehr möglich ist.
Alles Liebe aus der dünnen Luft, die auf knapp 6.000m nur noch weniger als die Hälfte von Sauerstoff trägt, was wir von zu Hause gewohnt sind….
Flo, Klemens, Wolfi und Andy“

Wie schon von unserem Team erklärt, werden sie morgen weiter hinauf zum ABC auf 6.400m steigen und dort wieder eine Nacht bleiben.
Auch soll dort dann eine Puja gefeiert werden – aber darüber dann morgen mehr …

Tashi Delek – Glück und Segen!
euch allen und unseren Männern wünscht euer Bodenpersonal Sabine

 

 

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2 Antworten auf Ankunft im Intermediate Camp auf 5.800m

  1. Roger Stuber sagt:

    Lieber Andy, liebe Freunde
    Mit grossem Interesse lese ich jeden eurer Berichte. Ich spüre eine grosse Zuversicht, dass es dieses mal klappen könnte. Zu deinen Emotionen im heutigen Bericht: Ich verneige mich respektvoll vor Deiner Leistung Andy und drücke euch Allen auf jeden Fall weiterhin die Daumen. Es hat noch Seil.
    Roger

  2. Jutta sagt:

    Lieber Andy,
    ich lese ganz gefangen von Deinen Berichten und drücke die Daumen ganz fest. Eigentlich finde ich momentan nicht die rechten Worte, um das auszudrücken, wie bewegend Deine Ausführungen sind.
    Es wird alles gut gehen. Ihr werdet es schaffen! Gott sei mit Euch.

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