Erholung im ABC auf 5.650 m

09. Mai 2011
21. Tag  Erholung im ABC vor Gipfelsturm

Wie schon versprochen, habe ich heute einen wirklich ausführlichen Bericht mit tollen Bildern von Andy bekommen …

  Hallo Sabine,

Zuerst muss ich dir sagen, dass du mir schon sehr abgehst….. aber wir vier Freunde haben hier so fern von zu Hause alle dasselbe Problem und so bin ich nicht alleine….

Wie ich dir beim Telefonat gestern versprochen habe, hier einige Zeilen und Bilder der letzten, für uns sehr wichtigen Tage.

Ich war am Donnerstag, 05. Mai in der Früh überhaupt nicht motiviert, wieder diesen Mörderhatscher über mehrere Stunden Geröll unter meine Beine zu nehmen, der uns erst mal wieder zum Depotplatz führt, der mir schon am Montag, 02. Mai, den letzten Tropfen Saft aus meinen Muskeln saugte.

ANMARSCH Richtung Lager 1 über Blockgelände

Doch wenn ich weiter kommen will, dann muss auch diese Hausaufgabe gemacht werden…..
Schließlich latschten wir vier gegen 09.15 Uhr gemütlich vom ABC los.
Im Rucksack diesmal nicht mehr so viel, weil ja im Depot schon einiges Zeug auf uns wartete.
Nach einer guten Stunde dieses unrhythmischen Vorwärtsholpern wagte ich meine Begleiter zu fragen, wie weit wir seien.

Ich fühlte so unendliche Müdigkeit und es war so anstrengend.
Udo verriet mir die Lösung. Er sagte, wir hätten für denselben Streckenteil heute exakt die halbe Zeit gebraucht wie noch vor drei Tagen, als wir zum ersten Mal hier rein humpelten.

Dann war mir auch klar, weswegen es so anstrengend war und ich fühlte wieder etwas Motivation in mir.
Als wir nach 4 Stunden beim Depot auf ca. 5.900m angekommen waren, war der höhenbedingte Leistungsabfall wieder deutlich zu spüren.

Andy und Hansjörg beim Depot

Hier luden wir unsere Rucksäcke mit den restlichen Sachen auf und wechselten die Trekkingschuhe mit den Expeditionsschuhen.

Nun galt es noch eine schlottrige, lehmige Mulde zu durchqueren und wir waren am Beginn der Seraczone angekommen. Dort gaben wir unsere Steigeisen an die Schuhe und der letzte Schluck aus der Thermosflasche wurde geleert.

Serakzone

Die ersten Schritte am Eis unserer Shisha Pangma gaben mir endlich das Gefühl, auf einem hohen, eisigen und mir vertrauten Berg zu sein.

Plötzlich keine Stolpersteine mehr, nur noch mein Freund Anda, der mir heute wieder den Weg wies, mein Atem, das knacken meiner Steigeisen und der schwere Rucksack auf meinem Rücken, was mich beschäftigte.
10 m einen Eisaufschwung mit Frontzackentechnik steil hinauf, um jenseits des Eisturmes wieder 6 m hinunter zu klettern.

Andy mit Steigeisen in Serakzone

So ging das nun noch eine gute Stunde und es war sehr mühsam, mit diesem Biest am Rücken. Nun noch ein flacherer Teil und der letzte etwas unangenehme Überstieg und Anda sagte mir, dass er Udo und Hansjörg schon beim Zelt in Camp 0, in wenigen 100 m sehen könne.

Weg durch die Seraczone

Die meisten Expeditionsgruppen ziehen hier vorbei und steigen gleich zu Camp 1 weiter. Für mich ist das wegen des Moränenhatschers leider unmöglich und so machten wir uns hier in unserem Camp 0 für die Nacht bereit.

Udo mit großem Gepäck

 

Udo erwartete uns gleich mit einer Tasse heißer Gemüsesuppe, die runter rann, wie Öl.
Anda kochte das Abendessen, welches aus weiteren Litern Suppe und Tee bestand.

Camp 0 auf 5.900 m

Ein mittelmäßiger Schlaf begleitete uns zum nächsten Morgen, an dem wir zum ersten Mal unsere Tourenski mit den Steigfellen an die Schuhe schnallten.
Ich freute mich direkt, wieder eine gewohnte Bewegung auf meinen Brettern zu machen.

Doch die große Höhe und das schwere Gepäck am Rücken vermasselten mir diesen Traum gehörig.
Vom Zeltplatz ging die Strecke in Richtung Lager 1 mit einem langen Flachstück los.

Aufstieg mit Ski zu Lager 1

Einfach unglaublich, wie schwach man sich fühlen kann. Kaum 50 m waren wir auf unseren Ski marschiert und der ganze Körper sträubte sich gegen seinen Einsatz.

Es fühlte sich an, als ob du zwar den Gashebel auf Vollgas gestellt hast, jedoch der Motor bekommt keinen Treibstoff.
Einfach Schritt für Schritt, ganz langsam weiter zu gehen, das wurde nur noch ein Traum. Maximal 20 Schritte und du bekamst das Gefühl, du musst aus dir raus, weil du hier drinnen keine Energie mehr hast.

Hansjörg und Anda, die hinter mir ihr Glück versuchten, ging es genau gleich wie Udo, der so 30 m vor mir kroch.
Irgendwann glaubte ich, einen Rhythmus zu bekommen, was mir aber auf Grund der Aufsteilung des Geländes schnell verging.

Immer wieder kam ich an Udo ran, und dann stockte wieder mein Motor. Am besten versteht man diesen Zustand vielleicht mit dem Vergleich, den jeder im Traum schon oft erlebt hat. Du musst und willst von jemand davonlaufen, doch die Beine sind wie gelähmt, du kommst nicht von der Stelle.

Der Hang wurde so steil, dass Spitzkehren zu machen waren. Durch den größeren Abstand zu Udo bekam ich akustisch Schwierigkeiten, genau den Punkt der Spitzkehre zu treffen und so tapste ich immer wieder im Tiefschnee, was mir zusätzlich wahnsinnig viel Krafft kostete.
Irgendwann, nach 3,5 Stunden sagte mir Udo, dass er in 100 m die Zelte von Lager 1 sehen kann.

Lager 1 auf 6.371 m

Udo führte mich an den Reißverschluss meines Zeltes, welches unsere Sherpas für uns hier aufgebaut hatten.
Ich versuchte möglichst schnell, aus der Bindung meiner Ski heraus in den Eingang des schützenden Zeltes zu flüchten.
Der aufkommende Sturm brachte urplötzlich unangenehme Kälte.
Während ich die Unterlagsmatten aufblies, damit wir in der Nacht keine Kältestrahlung vom Boden aushalten mussten, trudelten Hansjörg und Anda im Camp 1 ein.
Anda, mein Zeltpartner kochte vorzüglich gebratene Nudel und Fridattensuppe.

Die Nacht verging extrem stürmisch und es war für mich nicht viel Schlaf zu holen.

 

Blick von Camp 1 auf ABC hinunter

Der 07. Mai war als Ruhe und Akklimatisierungstag auf Lager 1 geplant.
Wir verbrachten den Tag mit Teetrinken und kleinen Spatziergängen zwischen Hansjörg und Udos, sowie Anda und meinem Zelt, welche ca. 3 m von einander entfernt standen.

Blick aus dem Zelt in Lager 1

Die Nacht auf Sonntag, 08. Mai brachte neben noch stärkerem Sturm eine große Unannehmlichkeit für mich.
Wegen einer Fehlplanung meiner Notdurft kam es so weit, dass ich anstatt am Vorabend, mitten in der Nacht, bei Sturmstärke 7 bis 8 das Zelt verlassen musste. Mit einem Plastiksackerl in den nackten Fingern versuchte ich ca. 3 m vor unserem Zelt, meinen Darm zu entleeren.
Man muss schon recht flink sein, um bei diesem Manöver nicht seine Finger, oder andere wichtige Körperteile zu erfrieren.
Nach 5 bis 10 Minuten schlüpfte ich halb ausgefroren wieder in meinen Spezial-Daunenschlafsack, der mich schon in der Antarktis oder am MT. Mc. Kinley in Alaska, bei unter minus 40 Grad nie im Stich gelassen hatte.

Der 08. Mai, Geburtstag meines Vaters, war ursprünglich geplant, auf Lager 2 aufzusteigen um dort noch eine Nacht für die Akklimatisierung zu verbringen.

Drei Nächte, die wir bereits in Folge in Hochlagern verbrachte hatten und die reichlich Energie kosteten sowie starker Wind brachten uns zur Entscheidung, dass wir uns zum Erholen ins ABC hinunter machen sollen.

Gegen 09.30 Uhr standen wir in unseren Skibindungen angeschnallt und freuten uns auf die Abfahrt.
Die ersten Meter brachten uns ein weiteres Mal zur Ernüchterung. Wenn es dich mit dem Rucksack nur einmal auf den Boden legt, hast du große Schwierigkeiten, wieder auf die Beine zu kommen. Hansjörg, Anda und ich hatten nur die Expeditionsschuhe zum Skifahren.

Diese Spezialschuhe schützen vor extremer Kälte, sind sehr beweglich, sind aber beim Skifahren total Haltlos.
Man muss nur mal versuchen, in Strandsandalen einen mit Bruchharsch bedeckten Steilhang abzufahren……
Schließlich fanden wir auch für diese Herausforderung unsere Technik, mit allen Segeln beigesetzt, bis Lager 0 runterzukommen.

Genusskilauf auf 6.000 m

Die Seraczone, die diesmal beim Abstieg direkt Spaß machte, war kein Problem. Sogar dieser geringe Höhenverlust von 500 m ist stark positiv spürbar.

Ich hatte an diesem Tag eigentlich nur ein großes Problem.
Ich konnte meine eigene Thermosflasche sprichwörtlich nicht mehr riechen.

So was kommt vor, wenn du über längere Zeit, in extremer Umgebung ständig die selbe Flasche mit verschiedenen Tees und Energiedrinks befüllst, ohne sie richtig reinigen zu können.
Sobald ich die Flasche nur in die Hand nahm, kam ein Würgereiz auf.
So war ich sehr erfreut, als mich Hansjörg am Ende der Seraczone zu einer Wasserpfütze am Boden führte. Ich saugte das köstliche Nass in mir auf, wie einen höchst geschmackvollen Shake in der Strandbar in 5.900 m Meereshöhe.
Diese Erfrischung baute mich wieder derartig auf, dass ich für den mir schon bekannten Blocklatscher keinerlei Befürchtung verspürte.

Andy lechzt nach Wasser

Nach dem Wechsel der Expeditionsschuhe, die wir wieder hier im Depot ließen zu den Trekkingschuhen, arbeiteten wir uns gemächlich talauswärts.

Um 14.00 Uhr brachte mir der mit Lakpa im ABC vereinbarte Funkspruch noch mehr Zuversicht, heute noch gut in unserer kleinen Heimat ABC anzukommen.
Lakpa sagte mir über Funk, dass er uns unseren Küchenjungen Galzen mit Cola und Bier entgegen schicken werde.

Gegen 18.00 Uhr trudelten Hansjörg, Udo und Ich schließlich im ABC ein.
Anda war auf Grund kalter Füße schon mal etwas voraus gelaufen und als Empfangskomitee erwartete uns unser Lesachtaler Bergkamerad Helmuth Ortner, der am Freitag, 06. Mai gemeinsam mit Rainer, einem deutschen Alpinisten in einer Gewaltleistung von nur 36 Stunden, den Gipfel der Shisha Pangma erreicht hatte.

An dieser Stelle möchten mein Team, Udo, Anda, Hansjörg und ich dem Helmut und dem Rainer auf das Herzlichste für diese Wahnsinnstat gratulieren!!!

Heute, 09. Mai erfreuen wir uns hier im ABC der Annehmlichkeiten mit Frühlingsrollen, Pommes, Kartoffelsalat und Bier und ich sitze im Essenszelt, während ich diesen Bericht tippe.

Shisha Pangma in Abendstimmung vom ABC

Wir werden uns nun mit viel Essen, Trinken und Schlaf aufbauen, um dann im Richtigen Moment, zu einem Gut-Wetterfenster unsere Chance für den Gipfelaufstieg zu nutzen.
Liebe Grüsse an alle lieben Freunde und Familien zu Hause!!!

Es geht uns gut!   Andy mit Team
copyright by Andy Holzer

Einfach toll was unser Team in den letzten Tagen geleistet und erlebt hat – die schönen Bilder sprechen für sich – was kann ich da noch sagen …
Lassen wir unsere Bergsteiger sich gut erholen und hoffen, mit viel Daumenhalten, dass sie bald ihren Versuch den Gipfel der Shisha Pangma zu erreichen, starten können.

Momentan ist es gut für uns zu wissen, dass sie gesund im ABC angekommen sind und sich auf den nächsten Aufstieg freuen …

He Mädels ist es nicht fein zu wissen, dass unsere Männer uns vermissen – sie wissen schon, was sie an uns “Bergsteigerfrauen” haben …

Mit lieben Gedanken bei unseren Männern verabschiede ich mich für heute
euer Bodenpersonal Sabine

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2 Antworten auf Erholung im ABC auf 5.650 m

  1. Christian B. sagt:

    hallo bergsteiger, wünsch euch für euren gipfelsturm alles, alles gute und vorallem gutes wetter! Drück euch die Daumen!!
    bergheil!
    christian

  2. Werner sagt:

    Auf gehts Buam! Ich bin sehr zuversichtlich, dass Ihr es schafft!!! Und kommt gesund zurück!
    LG Werner

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